Zurzeit unterrichtet Stefanie Haberberger 13 jugendliche Flüchtlinge zwischen elf und 17 Jahren in der Übergangsklasse an der Christian-Sammet-Mittelschule. Foto: Klaus Trenz

Eigeninitiative und Heimweh

Stefanie Haberberger unterrichtet an der Sammet-Schule minderjährige Flüchtlinge

Von Frauke Engelbrecht

Der Pausengong ertönt, die Tür wird aufgerissen und die ersten Jungs stürmen in den Raum. Höflich bleiben sie stehen, geben die Hand, sagen „Hallo“. „Es wäre unhöflich für sie, einfach vorbei zu laufen“, sagt Stefanie Haberberger. Die 43-Jährige ist Übergangslehrerin an der Christian-Sammet-Schule für minderjährige Flüchtlinge.

Zurzeit sind es 13 Jungs im Alter von elf bis 17 Jahren, die sie betreut. Als im vergangenen Jahr der Zuzug von Flüchtlingen in Pegnitz war, bekam sie das Angebot dafür. Eigentlich ist sie Schulpsychologin. Warum sind es nur Buben? „Ich glaube, für die Mädchen wären die Strapazen der Flucht zu groß gewesen“, sagt Haberberger. Außerdem gehe man in den Heimatländern der Jugendlichen davon aus, dass sich Jungs eher in der deutschen Arbeitswelt integrieren. Und gerade die syrischen Familien hätten wohl nicht genug Geld für die Schlepper – so sei es ihr erzählt worden.

Mit Händen und Füßen verständigt

Am Anfang war es gar nicht so einfach. Mit Händen und Füßen hätten sie sich verständigt. Nur wenige konnten Englisch oder ein paar Brocken Deutsch. Ein paar waren auch Analphabeten. „Es war wichtiger, dass die Jungen Gold gewaschen oder in der Landwirtschaft gearbeitet haben“, erzählt Haberberger. Die Jugendlichen hätten vor allem die Nähe gesucht, viele waren aber erschöpft und psychisch kaum belastbar. Und vor allem der Spracherwerb war schwierig, da sie aus einem völlig anderen Laut- und Schriftsystem kommen. „Man hat die Flucht und die Erinnerung an das Erlebte gespürt“, sagt die Lehrerin. Nach außen hätten sie aber meist eine fröhliche Fassade gezeigt. Aber manchmal kämen sie, würden ein unverfängliches Gespräch suchen und dann was ganz anderes erzählen wollen. Oft zeigen sie auch Bilder auf dem Smartphone, die ihnen Angehörige aus der Heimat geschickt haben. „Schlimm“, sagt Haberberger kopfschüttelnd, „ein Fluss rot von Blut, tote Kinder.“

Die Jungs hätten von Anfang an viel Eigeninitiative zum Beispiel bei den Hausaufgaben gezeigt. Man musste aufpassen, dass sie sich nicht überfordern. Andere haben wieder etwas länger gebraucht, jedes Kind war individuell. Einigen seien in die reguläre neunte Klasse gegangen, um ihren Abschluss zu machen, manche besuchen jetzt Förderkurse für den Hauptschulabschluss. Sie betreut in ihrer Klasse Flüchtlinge, die noch mehr gefestigt werden müssen. Haberberger unterrichtet Deutsch, Mathe und zwei Nebenfächer. „Ziel ist der Anschluss an die Regelklassen“, sagt sie.

Im vergangenen Jahr waren es 30 Jugendliche, da ging es hauptsächlich darum, dass sie ankommen, Kontakte knüpfen. Mittlerweile sind die Ansprüche höher. Haberberger erzählt, dass sie mit den Flüchtlingen anders spricht als mit deutschen Schülern. „Ich suche immer den Blickkontakt, um die Reaktion mitzubekommen, zu merken, wann jemand aussteigt“, sagt sie. Wie ist die Situation für sie selber, nimmt sie das Ganze mehr mit? „Man lernt gelassener zu sein“, sagt die 43-Jährige. Sicher nimmt sie das Ganze mit, aber die Klasse macht jeden Tag große Fortschritte. Sie bewundert die hohe Wertschätzung der Lebensqualität, die die Jugendlichen ausstrahlen. „Wir dürfen zur Schule gehen“, hätten sie gesagt, als sie fragte, wie es ihnen geht. Es sei beeindruckend, wie aktiv sich die Flüchtlinge einbringen. Die Schule gebe ihnen Halt.

Und wie ist das mit der unterschiedlichen Herkunft? Viele würden Vorbehalte von daheim mitbringen, aber grundsätzlich halten sie zusammen. Ob die Jugendlichen eine Chance in der Berufswelt haben, könne man jetzt noch nicht sagen, das sei zu vage. Die meisten wollen einen Schulabschluss machen oder sogar den M-Zweig besuchen. Zwei haben schon konkrete Vorstellungen. Einer will Bäcker werden, einer etwas im medizinischen Bereich machen. Sie bekommen auch ein Extra-Bewerbungstraining. „Ein Jugendlicher wurde sogar zum zweiten Klassensprecher in der Regelklasse gewählt“, freut sich Haberberger. Auch das Miteinander mit den deutschen Schülern sei überwiegend gut. So habe eine Klasse entschieden, die Abschlussfahrt innerhalb Deutschlands zu machen, weil die Flüchtlinge ja bis zur Anerkennung eine Aufenthaltspflicht haben.

Was Haberberger schlimm findet, ist, dass die Jugendlichen immer wieder auch Ausländerfeindlichkeit begegnen. Viele haben Heimweh, vermissen ihre Familien. Sie skypen dann mit ihnen, sagen aber, dass sie in Deutschland bleiben wollen. „Ich kann hier einfach auf die Straße gehen, ohne Angst haben zu müssen, hat mal einer zu mir gesagt“, erzählt sie. Der Satz hat sich eingebrannt.


NBK Pegnitz vom Dienstag, 11. Oktober 2016