Mit 160 Prozent Gewinn in die Renaissance
Bei Studienfahrt in die Toskana lernten Hauptschüler viel fürs Leben


Lesen, schreiben und rechnen sollte jeder können, wenn er die Schule verlässt. Doch diese Grundfertigkeiten reichen längst nicht mehr aus. Lebensgrundlagen zu vermitteln ist deshalb seit langem erklärtes Ziel der Sammet-Hauptschule in Pegnitz. Nicht nur im M-Zug werden dieser Aufgabe Ganzjahresprojekte gewidmet, auch die Studienfahrt in die Toskana war dem untergeordnet. Die Lehrkräfte sind sich einig: Immer stärker müssen sie hausgemachte Defizite im Elternhaus ausgleichen.

PEGNITZ – «Jugendliche essen doch nur Pommes, Pizza oder Döner» lautet ein weit verbreitetes Urteil. Stimmt und stimmt doch nicht. Die ersten Tage in Florenz bestimmte genau solches Fast Food den Speiseplan der 40 Schüler aus den Klassen 10 M a/b, bis Hauswirtschaftslehrerin Claudia Stadler-Pöhlmann den Einfall hatte, für alle an einem der schönsten Plätze der Stadt zum Sonnenuntergang ein Picknick zu veranstalten mit den feinsten Spezialitäten des Landes.

Also wurde in der zentralen Markthalle gleich neben dem Hotel Parmaschinken, Salami, Mortadella, Pecorino-Käse, pikantes Focaccia-Brot, eingelegte Tomaten, Oliven, Melonen und Erdbeeren gekauft, auf den Aussichtshügel hoch über dem Arno geschleppt und am Michelangelo-Denkmal kunstvoll aufgebaut. Mit durchschlagendem Erfolg: «Das war ganz toll. So gut haben wir noch nie gegessen». Als die Schüler hörten, dass dieses Schlemmerbuffet gerade einmal vier Euro pro Kopf gekostet hatte, war der Bann gebrochen. Am nächsten Tag mussten die Lehrer mit ihnen einkaufen gehen.

Wenn Lernziele so delikat erreicht werden, freut sich Konrektor Günther Müller, der diese Studienreisen nach Italien längst zu solcher Perfektion entwickelt hat, dass Klasslehrer Thorsten Herzing als Fahrtenleiter das Konzept jetzt problemlos übernehmen konnte. Es ermöglicht den Schulabgängern auf der Basis eines gewachsenen gegenseitigen Vertrauens größtmögliche Freiheiten, wenn die Vorgaben eingehalten werden. Es verlangt aber auch Etikette und Stil, etwa wenn die gemeinsame Schulzeit mit einem Gala-Menü gekrönt wird. Bei Bruschetta mit Tomaten, Penne all’ arrabbiata, Escalope an Limonensauce und einem Eis-Dessert sprechen Lehrer wie auch die Klassensprecher Daniel Daut und Stefanie Schmidt gegenseitige Toasts aus. Klar, dass hierbei im Hotel mitten in der Altstadt von Florenz auch auf die entsprechende Garderobe geachtet wird.

Möglich ist dies alles nur, weil die Klassen das ganze Jahr über mit vielfältigen Aktionen die finanzielle Basis gelegt haben. Die Einnahmen kommen dabei nicht nur von Verkaufsständen bei Schulfesten, sondern auch von Preisgeldern, etwa aus dem Projekt «Das kommt nicht in die Tüte», bei dem es um ein gesundes Frühstück ging. Dass die Jugendlichen zu wirtschaften gelernt haben, beweist, dass sie mit ihrer Schülerfirma, über die T-Shirts entworfen, produziert und verkauft wurden, in einer der größten Wirtschaftskrisen 160 Prozent Gewinn gemacht haben. Schön, wenn man sich von den üppigen Dividenden in Florenz etwas gönnen kann.

Auch wenn das Vergnügen nicht zu kurz gekommen ist, so stand doch die Beschäftigung mit der Kultur der Renaissance im Mittelpunkt dieser Studienfahrt. So kamen die Schüler nicht nur wegen der bisweilen 38 Grad ins Schwitzen, bei einem anspruchsvollen Besichtigungsprogramm, das mancher erwachsene Kulturfreund in der Kürze der Zeit nicht schafft. Der Besuch der Uffizien mit den weltberühmten Kunstwerken von Michelangelo stand dabei genauso auf dem Programm, wie die Besichtigung des Doms sowie der Kirchen Santa Croce und San Lorenzo oder der Medicikapellen.

Besuch in Weltmeister-Eisdiele

Ausflüge führten nach Pisa zur Piazza Miracoli mit dem Schiefen Turm, nach Siena, wo es über sieben Rolltreppen mitten in das Mittelalter zum Dom oder zur Piazza del Campo hinaufging, oder nach San Gimignano, wo im Schatten der berühmten Geschlechtertürme die Weltmeister-Eisdiele für Abkühlung sorgte.

Dieses Eintauchen in die Kultur war über das ganze Schuljahr entsprechend vorbereitet. Es wurden Projektgruppen gegründet, Internet-Recherchen angestellt, Referate erarbeitet und Themenmappen zusammengestellt, die die Voraussetzung bildeten, dass die Exkursion zu einem unvergesslichen Erlebnis wurde.

Günther Müller zollte seinen Schülern beim Abschiedsessen großes Lob: «Wir können es jederzeit mit Realschülern oder Gymnasiasten aufnehmen, die Stadtführerin glaubte ob unseres Fachwissens gar, Kunststudenten vor sich zu haben.»

Der Konrektor weiß aber auch, dass er die Jugendlichen nicht überfordern kann. «Wenn der eine oder andere in seinem späteren Leben wieder einmal in die Toskana kommt und sich an schöne Erlebnisse oder gemeinsam Erarbeitetes erinnert, dann haben wir viel erreicht.» So gesehen war es auch nicht weiter tragisch, dass die meisten auf der Heimfahrt nur einen Wunsch hatten: «Im ersten deutschen McDonalds einen Burger mit Pommes.»

Richard Reinl (Text und Fotos)