Abschied vom Traumberuf: Eine Ära endet

Nach 22 Jahren als Rektor der Sammetschule geht Helmut Graf in Pension: „Time to say goodbye“

PEGNITZ - Heute wird Rektor Helmut Graf verabschiedet. Mit ihm geht Konrektor Günther Müller. Der eine stand 22 Jahre an der Spitze der Sammetschule, der andere zwölf. Sie kennen sich seit Schulzeiten und genossen die „bombige Zusammenarbeit“ mit Kollegium, Sekretärin und Hausmeister. „Es ist ,Time to say goodbye‘“, sagt Helmut Graf und leert die Pinnwand in seinem Büro. „Ich hoff, ich steh’ das heut durch und hab keine Tränen in den Augen!“

Günther Müller und Helmut Graf, immer zu Spaß bereit. Die letzte Postkarte, die Helmut Graf von der Pinnwand nahm, zeigte einen nachdenklichen Orang-Utan aus dem Zoo. „Hatte ich Probleme, hab ich ihn immer genauso angeschaut.“

Wollten Sie schon immer Lehrer werden?

Helmut Graf: Ich konnte mir das als Abiturient überhaupt nicht vorstellen. Ich war auf einen kaufmännischen Beruf programmiert und ich war selbst nicht der „brävste“ Schüler — und das wollte ich mir als Lehrer nicht antun. Dass ich dann trotzdem Lehrer geworden bin — und dies auch zu meinem „Traumberuf“ wurde — verdanke ich der Bundeswehr. Ich durfte einen Rekrutenjahrgang ausbilden. Und da saß Karl Ross, der eine Klasse unter mir gewesen war. Und als er nach einem Kurs zu mir sagte: „Weißt du eigentlich, dass du gut unterrichtest?“ begann ich mich damit zu befassen. Ich weiß heute noch das Thema: „Was ist bei der Einrichtung eines Hubschrauberlandeplatzes zu beachten?“

Wenn Sie heute einen Beruf wählen könnten, welchen?

Graf: Ich wäre sicher als Diplomkaufmann in der freien Wirtschaft unterwegs, vielleicht sogar selbstständig.

Lehrer damals, Lehrer heute: Was hat sich verändert?

Graf: Der Lehrer in meiner Anfangszeit war die absolute Autoritätsperson — ich möchte fast sagen unantastbar. Die Krawatte war obligatorisch. Der Schulrat war gefürchtet. Die Gesellschaft war starr. Das Arbeiterkind ging auf die Hauptschule. — In meiner Abiturklasse gab es kaum Mädchen und an der Hauptschule meiner Anfangszeit in Pegnitz nur eine einzige Lehrerin.

Haben sich die Kinder verändert?

Graf: Die Familien haben sich geändert. Viele Einzelkinder kommen als kleine Prinzen her. Die Mode spielt eine Rolle und das Handy. Facebook, Twitter, Youtube, SchülerCC oder SchülerVZ spielen eine wichtige Rolle. Viele sehen in unserer Spaßgesellschaft den Lehrer als Fernsehmoderator. Leider haben wir es auch mit verhaltensauffälligen Schülern und psychischen Störungen zu tun.

Was war Ihr Hauptziel als Lehrer?

Graf: Jeder Schüler gehört auf die seiner Begabung entsprechende Schule. Und dort muss er die größtmögliche Förderung erfahren. Diskriminierung von handwerklich begabten Kindern darf nicht sein.

Welche Gefahren bringt die aktuelle Schülerlaufbahn?

Graf: Es können nun auch Schüler mit „relativ schlechten“ Noten auf das Gymnasium oder die Realschule. Eltern trimmen ihre Kinder dafür sehr. Ich zweifle, ob das gut ist. Den Kindern wird die Freude genommen. Ich warne auch vor dem großen Knacks in der Persönlichkeitsentwicklung bei einem Scheitern.

Müsste das Schulsystem geändert werden?

Graf: Vor kurzem hatte ich einen Traum. Ich wurde zum Kultusminister. Ich sollte das bayerische Schulsystem neu gestalten. Es gelang mir, in einem zweigliedrigen Schulsystem überall die Ganztagsschule durchzusetzen. Alle Schüler sollten einen Laptop-Arbeitsplatz erhalten und kleine Klassen von einem Lehrertandem unterrichtet werden.

Sie bekommen die Chance, eine Schule frei einzurichten: Wie?

Graf: Grundsätzlich wäre mehr Eigenständigkeit und Selbstverantwortung der Schulen nötig. In den musischen Fächern könnten die Zensuren wegfallen.

Die Lehrer stöhnen unter der Verbürokratisierung. Was kann man tun?

Graf: Durch den Bürokratismus kommt die wichtige pädagogische Arbeit in unserer zunehmend schwierigeren Schülerwelt zu kurz. Die aufwendigen Zwischenzeugnisse gehören abgeschafft. Es genügt eine Notenzusammenstellung auf EDV-Basis. Eltern sollten jedoch spätestens zum Halbjahr zu einem Beratungsgespräch verpflichtet werden. Da lässt sich mehr klären als über eine Mitteilung auf einem Stück Papier. Auch das arbeitsaufwendige Beurteilungssystem der Lehrer stützt sich auf veraltete Strukturen. Stattdessen brauchen wir regelmäßig die interne Bewertung, zu der auch Schüler und Eltern ihre Meinung über Lehrer, Rektor, Verwaltung und Hausmeister sagen. Bei der Besetzung von Rektorenstellen — ein bürokratischer Aufwand ohnegleichen — sollte den beteiligten Gemeinden ein Mitspracherecht eingeräumt werden. Auch die ständigen statistischen Abfragen kosten viel Energie. Dann die Vermüllung der schulischen E-Mail-Zugänge.

Welche Schüler blieben Ihnen markant in Erinnerung?

Graf: Viele. Namen möchte ich aber nicht nennen. Ich verfolge gerne, was aus meinen Schülern geworden ist. Da gibt es den erfolgreichen Handwerksmeister, den Diplomingenieur, den Profifußballer, den Schauspieler, den Unternehmer. Nicht immer die mit den besten Noten sind die erfolgreichsten. Ein Junge geht mir allerdings nicht aus dem Kopf. Wenige Jahre nach seinem Schulabschluss verunglückte er tödlich.

Was sollte man einem Kind fürs Leben mit auf den Weg geben?

Graf: Unbedingt: Stärkung der „Personalkompetenz“, wie man heute sagt. Dazu gehören der gute Umgang miteinander, das Hineinversetzen in den anderen, das Wecken von Selbstwertgefühl, von Ich-Stärke: „Auch ich kann was, auch wenn ich nicht so gute Noten hab.“ Vermittlung von Werten: Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit, Achtung des Nächsten. Also ein breites Feld, in dem der Lehrer aber leider von so manchem Elternhaus alleingelassen wird.

Eltern sind in der Kritik, weil zu lasch: Was müssten gute Eltern tun?

Graf: Man soll nicht generalisieren. Es gibt viele Eltern, die ihre Sache gutmachen. Leider werden wir für eine der wichtigsten Aufgaben in unserem Leben, nämlich die Erziehung, nicht vorbereitet. Das Setzen von Grenzen ist da wichtig. Eine klare Linie muss vorhanden sein für Tagesrhythmus, Ordnung, Fernsehkonsum, Computernutzung, Freizeit, Heranführung an Hobbys und Vereine. Und Schüler müssen wissen, dass ihre Zukunft nicht allein in einer Spaß-, und Konsumgesellschaft liegt.

Was ist Ihr Lebensmotto?

Graf: „Mit Gottvertrauen und Optimismus voran“, oder „per aspera ad astra“: über Hindernisse zu den Sternen.

Wenn Sie drei Wünsche hätten?

Graf: Als Erstes würde ich mir eine Zeitmaschine wünschen, die mich noch einmal in meine unbeschwerte Jugend führt. Sicher würde ich mir dann ein Livekonzert der Beatles gönnen. Ein zweiter Wunsch bezieht sich auf Gesundheit. Das Dritte: Ich wünsche mir einen Investor, der — ich bin bescheiden — 500 neue Arbeitsplätze nach Pegnitz bringt.

Haben Sie Vorbilder?

Graf: Keine. Hab mich immer auf mein Gefühl und meinen gesunden Menschenverstand verlassen und bin meinen eigenen Weg gegangen.

Nordbayerische Nachrichten vom 27.07.2011